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Paprikabaron statt Zigeunerbaron - Identitätsraub oder Sprachsensibilisierung?

21. Jazztage Dresden | 20.10. - 21.11.2021 Vortrag & Concertare

FREITAG / 05. NOVEMBER 2021 / 18:00 Uhr

Spielstätte Ostra-Studios

Concertare!

CONCERTARE! Vortrag, Diskussion & Session
Sich Zusammen Streiten, wie Con Certare im Konzert zur Vollendung kommt soll eine Möglichkeit bieten, die Spannungen und Spaltungen in der Gesellschaft etwas abzubauen und das Verständnis für die Haltung und Meinung andersdenkenden Mitmenschen fördern. Umstrittene Themen im fairen Dialog, denn ohne Opposition und Kontrapunkt, ohne infrage stellen des öffentlichen oder politischen Narrativs ist keine Pluralität, Weltoffenheit und Vielfalt möglich. Genauso wie ohne den Freigeist keine Improvisation oder die Entwicklung der Musik, insbesondere des Jazz nicht stattgefunden hätte. Zum fairen Dialog ohne Scheuklappen und Ängste ist jeder herzlichst eingeladen. Niemand wird diskriminiert. Dafür verbürge ich mich.Kilian Forster, Intendant Jazztage Dresden und Moderator der Reihe CONCERTARE!


+++ EINTRITT FREI +++ Kostenlos personalisierte Karten bitte unter "Kaufen" erwerben.

Paprikabaron statt Zigeunerbaron?
Identitätsraub oder Sprachsensibilisierung? Gibt es Grenzen der Political Correctness?

Roby Lakatos, König der Zigeunergeiger
Andrej Hermlin
, Pianist & Bandleader
Marcus Reinhardt
, Rheinisches Zigeunerfestival
Jazzverband Sachsen (angefragt)
Romano Sumnal e.V. (angefragt)
Victor Vincze
, Vorsitzender Integrations- und Ausländerbeirat Dresden (noch nicht bestätigt)
Herbert Lappe,
Mitglied jüdische Gemeinde

Die eigene Identität stellt nicht nur im politischen Raum ein wichtiges Merkmal von Individuen und Gruppen dar, sondern beeinflusst auch ganz direkt den Schaffensprozess von Künstlern. In ihren Werken manifestieren sich, sowohl durch bewusste Äußerungen als auch durch unbewusste Einflüsse, Bestandteile der eigenen Biographie und der mit Anderen geteilten Sozialräume. Das Selbstverständnis von Musikern wirkt somit unmittelbar auf die konkreten Stilrichtungen und Performances hin. Wie lässt sich jedoch damit umgehen, wenn die eigene Identität zum Gegenstand politischer Diskussionen wird oder sich einem Wandel der gesellschaftlichen Wahrnehmung ausgesetzt sieht, welcher die Grundfeste der Identität in Frage stellt? Eine nicht zu vernachlässigende Anzahl gesellschaftlicher Minderheiten sieht sich von den „politisch korrekten“ Fremdbezeichnungen eben nicht zufriedenstellend repräsentiert, sondern lediglich als Subjekt einer selbstvergewissernden „Umetikettierung“. Es steht zu befürchten, dass die tatsächlichen Probleme gesellschaftlicher Benachteiligung und Ausgrenzung in dieser mitunter sehr laut geführten Debatte untergehen. Sprechen wir bald nicht mehr vom Zigeunerbaron, sondern vom Paprikabaron? Und wie nehmen die Künstler selbst diese Prozesse wahr?

Gewissermaßen ist Jazz die demokratischste aller Musikformen. Das Genre reduziert sich nicht auf die singulären Performances der einzelnen Interpreten; vielmehr entwickelt sich aus dem größtenteils improvisierten Zusammenspiel der Musiker ein spontaner Dialog. In einem Akt kollektiver Kreativität werfen die beteiligten Künstler Ideen in den gemeinsamen Gestaltungsraum, welche untereinander musisch weitergesponnen werden; jeder darf dabei mitwirken und eigene Impulse setzen. Dieses Zusammenspiel der Jazz-Musiker erinnert nicht umsonst an die politischen Prozesse in liberalen Demokratien. Und auch im Konkreten wird ein spürbarer Einfluss des Genres auf politische Zustände sichtbar: In den USA verhalf der Jazz weiten Teilen der afroamerikanischen Bevölkerung wie kaum eine andere Musikform zur Möglichkeit, ihre Ideen und Vorstellungen über kulturelle Barrieren hinweg auszudrücken.
Im Hollywood-Film „La La Land“, welcher Jazz und seine Elemente erst kürzlich einem breiten Publikum zugänglich machte, wird Sebastian, der pianospielende Protagonist, gefragt, wie er ein revolutionärer Jazz-Musiker sein wolle, wenn er so traditionalistisch veranlagt sei. Er klammere sich an die Vergangenheit; dabei drehe sich der Jazz um die Zukunft. Eben jener Fokus auf die Zukunft und die Fragen, welche unsere Gegenwart an sie stellt, verbindet das Genre im Kleinen und die Kulturlandschaft im Großen mit der Politik. Aktuell stellen sich vielfältige gesellschaftliche Problemlagen dar, welche sowohl für die Sphären der Politik als auch der Kultur von Interesse sind.
Im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung kämpfen benachteiligte Minderheiten für gesellschaftliche Anerkennung und Gerechtigkeit. Im Milieu der Kunst- und Kulturschaffenden scheint dieser Prozess weiter fortgeschritten zu sein als in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen. Welche Schritte zu einem multikulturellen Zusammenleben kann die Politik von der Kultur lernen?
Gleichzeitig sind zahlreiche Künstler nicht nur beobachtende Subjekte, sondern aktive Teilnehmer an politischen Prozessen. Während manch ein Musiker oder Schauspieler sich regelmäßig für die Werte der Demokratie einsetzt und selbst politisch aktiv wird, sehen sich manch andere Kulturschaffende einer angeblichen Cancel Culture ausgesetzt. Es stellt sich die Frage, wie man trotz der enormen gesellschaftlichen Erwartungshaltung als Künstler Haltung zeigen und für ein starkes demokratisches Gemeinwesen eintreten kann.
Über diese und weitere Fragen möchten wir in der Themenreihe gemeinsam mit Ihnen diskutieren.